Homer Jacobson, 84 Jahre alt und emeritierter Professor der Chemie zog nach 52 Jahren ein Paper über die Entstehung des Lebens für den American Scientist teilweise zurück. Wegen gravierender Fehler, die ihm unterlaufen seien. “Ich bin zutiefst beschämt, der Urheber solcher Falschaussagen zu sein und es zugelassen zu haben, dass schlechte Wissenschaft nun in die Hände von Leuten gefallen ist, die sie für wissenschaftsfeindliche Zwecke missbrauchen”, wird er von der New York Times zitiert.Eine Arbeit zurück zu ziehen ist in der Wissenschaft nicht unüblich. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind immer provisorisch und gelten nur so lange, wie sie nicht wiederlegt werden können - von den Kollegen oder vom Autor selbst.
Ungewöhnlich an diesem Fall ist: Jacobson beschäftigte sich 1955, zwei Jahre nach der Entdeckung der DNA, mit der Frage, wie das Leben entstanden sein könnte und kam darin zu einem Schluss, der ihn inzwischen unwissentlich zu einer von christlichen oder islamischen Kreationisten gerne zitierten wissenschaftlichen Autorität gemacht hat:
“Anweisungen für die Reproduktion von Plänen, die Energieproduktion und die Extraktion von Materialien aus der vorhandenen Umwelt, für die Wachstumsrate und für den auslösenden Mechanismus, der die Anweisungen in konkretes Wachstum überführt - alles musste in diesem Moment (als das Leben begann) gleichzeitig vorhanden gewesen sein. Diese Kombination von Ereignissen wäre eine unbeschreiblich unwahrscheinliche Zufälligkeit gewesen…” (Homer Jacobson, “Information, Reproduction and the Origin of Life,” American Scientist, Januar 1955, S. 121.)
1955 hatte kaum jemand in der wissenschaftlichen Community dieses Paper zur Kenntnis genommen. Und auch Homer Jacobson hätte es vermutlich vergessen, wäre er nicht beim Surfen im Internet darauf gestoßen, das ausgerechnet er zum Kronzeugen der Kreationisten geworden war. Er nahm sich sein damaliges Paper noch einmal vor und stellte entsetzt mehrere grundlegende Fehler fest: “Diese Berechnung war irrelevant”, schreibt er in seinem Brief an den American Scientist. “Denn sie ging von falschen Annahmen aus […] All diese [Energiequellen] könnten auf der frühen Erde vorhanden gewesen sein. Somit ist diese Passage völlig ungeeignet.” Nun bittet Jacobson die Chefredaktion um Rücknahme dieser und noch einer weiteren Passage aus seiner Veröffentlichung von 1955.
Viel nützen wird es wohl nicht. Denn in den Kreisen des Kreationismus und des ID wittert man längst eine Verschwörung. Pro-Kreationisten würden eben vom wissenschaftlichen Establishment mundtot gemacht.