In der mehr als dreieinhalb Milliarden Jahre dauernden Evolution des Lebens auf der Erde haben sich die Käfer am vielfältigsten entwickelt. Wie es dazu kam, untersuchen derzeit Wissenschaftler in Jena.
Man kann sie mit Fug und Recht als echte Erfolgstypen bezeichnen. In der mehr als dreieinhalb Milliarden Jahre dauernden Evolution des Lebens auf der Erde haben sich die Käfer am vielfältigsten entwickelt. Mit über 360.000 beschriebenen Arten stellen sie etwa ein Viertel aller heute bekannten Organismen. “Schätzungen gehen zudem von einem Vielfachen an bisher unentdeckten Arten aus”, weiß Prof. Dr. Rolf Beutel von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. “Außer dem Meer gibt es praktisch keinen Lebensraum auf der Erde, in dem keine Käfer leben”, macht der Professor für Zoologie und Entomologie den beispiellosen Erfolg dieser Insektengruppe deutlich.
Doch wie kam es zu dieser “außergewöhnlichen Vorliebe” des Schöpfers für die Käfer, wie es der Biologe und Philosoph John Scott Haldane (1860-1936) formulierte? Was macht gerade die Käfer zu den “Gewinnern” in der Evolution? Diese Frage stellen sich nicht nur Jenaer Forscher. Prof. Beutel und sein Team sind als einziger europäischer Partner an einem von Wissenschaftlern der Harvard University geleiteten Projekt beteiligt, das dem Erfolgsgeheimnis der Käfer auf den Grund gehen will. In den kommenden drei Jahren wollen die Forscher den vollständigen Stammbaum sämtlicher Käfergruppen erstellen. Die US-amerikanische National Science Foundation (NSF) finanziert das Mammutprojekt mit mehreren Millionen US-Dollar.
Rund 3.000 ausgewählte Käferarten aus 160 Familien werden die Wissenschaftler dafür unter die Lupe nehmen. Während die amerikanischen Kollegen das Erbgut molekulargenetisch untersuchen, werden Prof. Beutel und sein Team über 600 morphologische Merkmale der Käfer untersuchen. Dazu nutzen die Zoologen der Jenaer Universität die hoch auflösende Mikro-Computertomographie. “Damit lassen sich selbst die kleinsten Muskeln oder Strukturen des Innenskeletts dreidimensional und gestochen scharf abbilden”, sagt Prof. Beutel, dessen Gruppe auf dem Gebiet der Insektenmorphologie eine führende Rolle spielt. Selbst Details von nur einem Mikrometer (Tausendstel Millimeter) werden mit dieser Methode sichtbar.
Steht der Stammbaum der Käfer, “dann wird es erst richtig spannend”, freut sich der Insektenforscher Beutel. Dann können evolutionsbiologische Folgeprojekte starten, die die derzeit erhobenen Daten nutzen. “Wir wollen beispielsweise die evolutiven Wechselbeziehungen zwischen Käfern und Pflanzen oder Pilzen untersuchen”, so Beutel. Dies war mit bisherigen Daten nur sehr bedingt möglich.
Erwartet werden auch neue Erkenntnisse zu Verwandtschaftsbeziehungen der Käfer untereinander. Vor allem die mit über 300.000 Arten mit Abstand größte Unterordnung - die “Polyphaga” -, birgt für die Evolutionsbiologen noch viele Rätsel. “Die Einordnung der Teilgruppen dieser Unterordnung erfolgte in vielen Fällen eher intuitiv als nach fundierten Kriterien”, räumt Prof. Beutel ein. Dank der jetzt gewonnenen genetischen und morphologischen Daten wird diese Praxis aber bald der Vergangenheit angehören.